Kulinarischer Führer / Fisch-Restaurants
Deutschland hat keine rechte Kultur, was Nahrungsmittel aus
dem Meer betrifft. Das merkt man allein schon daran, dass
der Sprache ein paar wichtige Wörter fehlen, um sich mit
dem Thema schriftlich zu beschäftigen.
Beispiel: Fisch-Restaurants. Um sich mit der Küche
von Ländern auseinanderzusetzen, in denen eine Vielzahl von
Nahrungsmitteln aus dem Meer zubereitet werden, ist der Begriff
ungeschickt.
Denn Fisch ist nur eines von einer ganzen Reihe maritimer Lebensmittel.
Der Begriff Fisch schliesst ja Krabben, Langusten,
Hummer, Muscheln und Krebse nicht ein. Soll man deshalb also von
Fisch-Krabben-Muschel-Krebs-Restaurants sprechen? Unsinn.
Zwar gibt es im Deutschen durchaus ein Wort, das Fisch, Krabben,
Muschel und Krebse zusammenfasst: Meeresfrüchte.
Aber erstens handelt es sich hier um eine echt verfehlte Wortschöpfung
(eine Übersetzung des italienischen frutti di mare; das Wort Meeresfrüchte fand sich auch nicht im Rechtschreib-Duden, 15. Auflage; in der 20. Auflage ist es enthalten), da Fisch, Krabben, Muscheln und Krebse ja keine Früchte sind. Wie man inzwischen auch in Süd-Deutschland
weiss, gehören alle drei nicht mal ins Reich der Botanik.
Und zweitens geht einem das zusammengesetzte Wort Meeresfrüchte-Restaurant nicht gerade leicht über die Lippen. Die Redaktion blieb deshalb eben doch beim eingeführten Begriff Fisch-Restaurant
- und weist ausdrücklich darauf hin, dass in thailändischen
Fisch-Restaurants Krabben, Garnelen, Hummer und Krebse gerade
so wichtig sind wie Fisch.
Fisch und andere Meerestiere sind überall in Thailand ausserordentlich
preiswert. Viele grosse Restaurants in Bangkok sind
auf Meeresgerichte spezialisiert, und kein Besucher sollte in
der thailändischen Metropole, in Pattaya oder auf Phuket
die Gelegenheit auslassen, in einem solchen Spezialitäten-Restaurant
zu essen. Zubereitet werden Fisch und Meerestiere in Thailand
sowohl im thailändisch-chinesischen Stil als auch auf westliche
Art.
In der thailändisch-chinesischen Küche wird Fisch
auf fünf Arten zubereitet: bei grosser Hitze kurz in
Öl gebraten; paniert und fritiert; zu einem Süss/Sauer-Gericht
verarbeitet; als Suppe gekocht; oder einfach nur gedünstet.
Wenn Fisch und Meerestiere nur gedünstet werden, behalten
sie am besten ihren Eigengeschmack. Dabei ist die Frische
der Fische und anderen Meerestiere von grösster Bedeutung.
Wird Fisch gebraten, ist zwischen einem Fisch, der erst unmittelbar
vor der Zubereitung, und einem anderen, der schon am Vortag geschlachtet
wurde, kaum einen Unterschied zu schmecken.
Wird Fisch aber nur gedünstet und fast nicht gewürzt,
ist der Unterschied deutlich. Fisch, der erst unmittelbar vor
der Zubereitung geschlachtet wird, ist zarter und hat oft eine
mysteriöse süssliche Geschmackskomponente.
Diese Geschmackskomponente bleibt allerdings wirklich nur erhalten,
wenn der Fisch lediglich gedünstet, nicht aber gebraten oder
gekocht wird.
Eine ganze Reihe von Fisch-Restaurants chinesischer Kochrichtung
in Bangkok verfügt über grosse Aquarien,
in denen Fisch gehalten wird, bis er von einem Gast ausgesucht
wird, und erst dann geschlachtet. Dieser Fisch ist natürlich
um einiges teurer als ein anderer, der geschlachtet im
Kühlschrank liegt. Obwohl der Gast in der Regel die Zubereitungsart
selbst bestimmen kann, wäre bei Fisch, der erst unmittelbar
vor der Zubereitung geschlachtet wird, alles andere als Dünsten
inadäquat.
Da bei einer Zubereitung in der Bratpfanne kein Unterschied zwischen
einem frisch geschlachteten und einem am Vortag geschlachteten
Fisch feststellbar ist, kann, wer seinen Fisch gebraten bestellt,
darauf verzichten, ein Exemplar aus einem Aquarium auszuwählen.
Lebend vorgehaltener Fisch kostet in der Regel ja das Doppelte
von konventionell gelagertem Fisch, und, wie gesagt, für
den Mehrpreis bekommt man nur mehr kulinarisches Erlebnis, wenn
der Fisch gedünstet wird.
Bei Krabben, Garnelen und Hummer ist der
Preisunterschied zwischen lebend- und konventioneller Vorhaltung
nicht so gross. Krabben, Garnelen und Hummer ersticken ja
nicht binnen kürzester Zeit, wenn sie aus dem Wasser genommen
werden, sondern verfallen dabei nur in Inaktivität und kommen,
wenn sie in ihr Element zurückbefördert werden, wieder
zum Leben, auch wenn sie für Stunden aus dem Wasser heraus
waren. Ausserdem werden Krabben und Garnelen nicht überwiegend
im freien Meer gefangen, sondern in riesigen Teichen an
der Meeresküste gezüchtet.
Hummer wird in den Fisch-Restaurants sehr oft lebend vorgehalten,
in Restaurants thailändischer Prägung genauso wie in
Restaurants chinesischer oder westlicher Kochrichtung. Dabei ist
zu beachten, dass man Hummer besser in grossen Fisch-Restaurants
isst als in kleinen. Der Grund ist nicht, dass der Hummer
in grossen Restaurants unbedingt besser zubereitet wird.
Aber man bekommt in grossen Restaurants normalerweise mehr
Hummer fürs Geld.
Der Grund: in kleinen Restaurants, die nur hin und wieder einen
Hummer servieren, lebt das Tier möglicherweise wochenlang
im Aquarium. Wie der Redaktion der Chefkoch eines
der führenden Fisch-Restaurants in Bangkok erklärte,
verliert Hummer bei Aquariumshaltung verhältnismässig
schnell an Gewicht. Das heisst: der Gewichtsverlust
tritt natürlich nicht bei den nicht essbaren Teilen
des Tieres auf, bei Kruste und Eingeweiden, sondern bei den leckeren
Fett- und Fleischpolstern.
Hummer wird im Restaurant stets nach Gewicht berechnet
- aber nicht nach dem Gewicht der essbaren Teile, sondern
nach dem Gesamtgewicht des Tieres. Und da verschlechtert sich
das Verhältnis zwischen essbarem und nicht
essbarem Teil, je länger das Tier im Aquarium gehalten
wird. Da aber der Zeitraum der Aquariumshaltung in grossen
Restaurants normalerweise sehr viel kürzer ist als in kleinen,
bekommt man dort wahrscheinlich mehr Hummer fürs Geld.
Soviel zum Thema Lebend-Vorhaltung von Fisch und Meerestieren.
Sie ist, wie gesagt, von Bedeutung hauptsächlich für
die chinesische Küche, da dort Fisch oft nur gedünstet
wird.
In der westlichen, hauptsächlich der französischen,
Küche wird Fisch oft mit mehr Feingefühl zubereitet
als bei den thailändischen und chinesischen Techniken, ausser
dem Dünsten, gebraucht wird. Allerdings wird der Eigengeschmack
von Fisch oft durch Sossen überdeckt. Dies ist
keineswegs Kritik - nichts gegen die Sossen; es ist da zwar
nicht mehr in erster Linie der Fisch, der geschmeckt wird, aber
das schliesst ja keineswegs aus, dass das Gericht insgesamt
schmackhafter ist als dies der Eigengeschmack des Fisches gewährleisten
würde. In der französischen Küche zum Beispiel
wird Fisch oft mit sehr feinen Käsesossen veredelt.
Sossen mit Mandeln geben ebenfalls eine vorzügliche
Geschmackskombination.
In manchen Luxus-Restaurants in Bangkok ist es üblich, dass
der Fisch dem Gast vor der Zubereitung gezeigt wird. Wer die Frische
eines Fisches überprüfen will, der sollte zunächst
auf die Augen schauen. Je klarer die Augen, desto frischer
der Fisch; bei überlagertem Fisch sind die Augen milchig
trüb. Eine weitere Methode ist, den Fischleib kurz zu
drücken. Je elastischer der Fisch, desto frischer.
Einer der besten thailändischen Speisefische ist der Barsch
[Grouper]. Obwohl der Barsch keineswegs selten ist, ist
er, da seine geschmacklichen Qualitäten unbestritten sind,
einer der teuersten thailändischen Speisefische. Es gibt
in den thailändischen Gewässern drei Sorten Barsch:
den roten, den gefleckten und den schwarzen. Der schwarze gilt
als der beste von den drei, da sein Fleisch am weichesten und
saftigsten sein soll. Der schwarze ist auch der teuerste
unter den drei Sorten.
Barsche können enorm gross werden - bis zu 50 Kilo
schwer. In den Restaurants wird allerdings normalerweise eine
Grösse serviert, bei der ein Fisch gerade eine Mahlzeit
für eine Person ergibt.
Tintenfisch ist weit verbreitet und wird normalerweise
gegrillt. Aal gibt es überwiegend in Fisch-Restaurants
chinesischer Kochrichtung.
Krabben sind überall in Thailand sehr preiswert, und
sie werden deshalb durchaus nicht nur in Restaurants oder von
der reicheren Bevölkerungsschicht regelmässig gegessen,
sondern auch von einfachen Leuten zuhause. Krabben werden zahlreichen
Gerichten beigegeben.
Garnelen sind wesentlich teurer als Krabben, und sie werden
deshalb überwiegend in besseren Restaurants serviert. Der
Hummer, der in thailändischen Gewässern gefangen
wird, ist der sogenannte Rock Lobster, der nicht
über die grossen Scheren verfügt, die den atlantischen
Hummer auszeichnen. Krebse werden in der Regel schon in der Küche
auseinandergenommen und dann als Krebsfleischeinlage in
zahlreichen Gerichten serviert.
Die wichtigste Muschelart in Thailand sind Austern. Selten
werden in der thailändischen Küche Austern in der Schale
serviert. Meistens wird das Austernfleisch gekocht und den Speisen
untergemischt.
Besonders stolz ist man in Thailand auf die Austern der Surat-Thani-Provinz.
Die Surat-Thani-Austern sind sehr viel grösser als die
Austern, die normalerweise in Europa serviert werden. Die thailändische
Tourismus-Förderung tut dabei so, als sei dies erstens ein
Qualitätsmerkmal und zweitens in irgendeiner Weise
auf die Gegebenheiten Surat Thanis zurückzuführen
(wie zum Beispiel der Umstand, dass im deutschen Kaiserstuhl
besonders gute Weinsorten wachsen auf die Beschaffenheit der dortigen
Böden).
In beiden Fällen liegt die thailändische Tourismus-Förderung
ordentlich daneben. Denn die Austern aus der Surat-Thani-Provinz
sind nur deshalb sehr viel grösser, weil sie erst im
fortgeschrittenen Alter von drei Jahren geerntet werden. Weltweit
werden Austern im Alter von sieben Monaten bis einem Jahr geerntet.
Würde man woanders Austern drei Jahre lang wachsen
lassen, wären sie auch dort sehr viel grösser.
Dass man in Thailand Austern drei Jahre lang auswachsen lässt,
hängt mit der Art und Weise zusammen, auf die Austern in
der thailändischen Küche zubereitet werden: gekocht
oder gebraten, und stark gewürzt. Da macht
es denn auch nichts aus, dass die Austern schon mal die Konsistenz
von Tintenfisch haben.
Für eine Zubereitung auf westliche Art sind dreijährige
Austern aber völlig ungeeignet. Um sie gekühlt und
roh aus der Schale zu schlürfen, lediglich mit etwas
Zitronensaft angesäuert, sind dreijährige Austern zu
zäh. Sie haben dann nämlich nicht mehr die typische
Schleimkonsistenz, sondern eher die eines mehr oder weniger
weichen Gummis.
In einigen Spezialitäten-Restaurants in Bangkok werden Muscheln
auch auf französische Art zubereitet, mit feinen Sossen,
die oft sowohl Wein als auch Käse enthalten.
Wenn Muscheln mit Sossen zubereitet werden, wird darauf Rücksicht
genommen, dass Austern den zartesten und Venusmuscheln
den stärksten Eigengeschmack haben. Venusmuscheln haben einen
so starken Eigengeschmack, dass sie sogar mit geräuchertem
Schinken kombiniert werden können, ohne dass dadurch
der Meeresgeschmack völlig überdeckt werden würde.
Die berühmteste französische Kombination von Meeresgetier
mit Käse ist Hummer à la Thermidor.
Bei dieser Zubereitungsart wird das Fleisch des Hummers aus der
Schale entfernt und zusammen mit einer Käsesosse
gekocht. Die Hummer-Käse-Mischung wird dann gemeinhin des
optischen Effektes wegen in der Hummerschale serviert.
Auch Garnelen und sogar Krebse können auf Thermidor-Art zubereitet
werden. Bei Krebsen wird für die Thermidor-ähnliche
Zubereitung bisweilen die Bezeichnung à la Newburg
verwendet.
Das Fleisch von Hummer, Garnele, Krabben und Krebsen schmeckt
recht ähnlich, hauptsächlich, wenn mit Sosse oder
à la Thermidor zubereitet. Der Unterschied liegt
in der Textur. Das Fleisch des Hummers ist am festesten,
das der Krebse am zartesten. Gourmets sind sich einig, dass
Hummer sich am besten für die Zubereitung à la
Thermidor eignet.
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