Version 1.0, March 2002
Bei all dem Schrecken, bei all dem Unheil, bei aller Trauer, welche die AIDS-Seuche zum Ende des 20. Jahrhunderts der Menschheit beschert hat, erscheint es geradezu zynisch, ihr etwas Positives abgewinnen zu wollen.
Und dennoch!
Dabei geht es nicht um Vulgäres, wie Spekulationen darüber, daß die Natur ihr biologisches Gleichgewicht herstellt und den Erfolg der Art homo sapiens bremst. Chauvinistische gedankliche Dimensionen unter der Überschrift Biologisches Gleichgewicht entpuppen sich, werden sie auf die Menschheit angewendet, als mechanistische Weltanschauung, die ihren Platz gerechterweise schon im 19. Jahrhundert auf dem Müllplatz der Geschichte gefunden hat.
Die Generation der Eltern:
unförmige Körper, banale Interessen. Die Alten öden sich an,
streiten sich um Lapalien, im Bett läuft schon lange nichts
mehr; mit der Lebensauffassung sind die Alten ganz schön hinterm
Mond.
Und der junge Mensch sagt sich:
nein danke, bloß das nicht. Lieber bis 30 richtig gelebt,
und dann den Löffel abgeben - als die trostlos langweilige
Existenz der Eltern.
Ob die jungen Menschen nun
Hippies werden oder Skinheads, Rocker oder rauschgiftsüchtig,
Aussteiger oder Bandenmitglied, ist nur eine Frage des jeweils
vorherrschenden Trends. Aber Action soll sein, das ist mal
klar. Nur nicht diese langweilige Trostlosigkeit, in der die
Generation der Eltern vor sich hinlebt, diese scheinheile
Welt.
Mehr Sex oder mehr Gewalt wird
gesucht, auf jeden Fall mehr Action.
Die Generation der Eltern ist
sich der Verachtung meist gar nicht bewußt, die ihnen aus
der Generation der heranwachsenden Kinder entgegenweht. Deshalb
können die Eltern protestierender Jugendlicher blabbern, was
sie wollen. Solange die Lebensführung der Eltern so trostlos
ist, daß Sohn und Tochter alles wollen, nur das nicht, solange
hat die ganze verbale Rationalität der elterlichen Argumentation
(wenn sie denn tatsächlich vorhanden sein sollte) keine Überzeugungskraft.
"So wie ihr lebt, nein danke, auf keinen Fall."
Lieber mit 30 im Grab, aber
bis dahin das Leben genossen. Die Jungen wissen: man muß nicht
alt werden; und vielleicht ist es besser, man macht früher
den Abgang; hauptsächlich dann, wenn das, was nachkommt, von
der Art ist, wie es die Eltern vorleben.
Aus der Sicht der Jungen sind
meist nicht nur die Oma und ihre Nachbarn im Altersheim senil,
sondern auch schon die Eltern und ihre gleichaltrige Bekanntschaft.
Und auf beide trifft gleichermaßen zu, daß die Senilen, auch
in der Generation der Eltern, es nicht merken, daß sie es
schon sind.
Den Jungen ist klar: man muß
nicht alt werden. Lieber ein früher Tod, und bis dahin richtig
gelebt.
Deshalb sind junge Männer mutiger
als Männer über 50, obwohl die Rationalität das Gegenteil
gebieten würde. Denn ein Mann mit 50 hat normalerweise weniger
zu verlieren, in Jahren gerechnet, als ein Mann mit 20. Der
eine setzt das Tatterdasein des Greisenalters aufs Spiel,
der andere die Blüte des vollen Mannesalters.
Ist es da nicht schon ein Zeichen
der Senilität, wenn ein Mann im Alter von über 50 Angst hat
vor dem Heldentot?
Ist die Aussicht auf den Heldentot
nicht die Chance zum würdigsten Abschluß eines Lebens überhaupt?
Eines Lebens, das für den Feigling, oder auch einfach nur
den, dem sich diese einzigartige Gelegenheit nicht bietet,
ohnehin nur entweder in Banalität oder in Siechtum endet?
Man muß nicht alt werden -
es ist damit nichts gewonnen. Die Frage ist: muß man überhaupt
leben?
Wenn es eine Religion gibt,
die dem Menschen des 21. Jahrhunderts darauf eine Antwort
gibt, eine Religion, die nicht in Ausflüchten besteht, eine
Religion, die dem wissenschaftlichen Denken, oder dem Kenntnisstand
der Menschheit zu Beginn des 21. Jahrhunderts in jeder Weise
standhält, dann ist dies der Buddhismus. Er ist so viel vernünftiger
als jede andere Religion.
Denn zu Beginn des 21. Jahrhunderts
wissen wir so viel, daß es für die Annahme eines allmächtigen
Gottes keinen, aber auch gar keinen Anhaltspunkte gibt.
Wo soll er sitzen, der allmächtige
Gott? Oben oder unten, in der unendlichen Ferne des Kosmos,
oder, auf Quantenebene, in allem Seienden? So oder so sind
die Grenzen des Erklärlichen so weit gefaßt, daß sich schwer
vorstellen läßt, daß der unendlich weit entfernte allmächtige
Gott sich mit den sogenannten Zehn Geboten, oder durch eine
geschichtlich bestimmbare Menschwerdung, oder durch das Verfassen
moralischer Traktate wie der Bibel in das Zusammenleben der
Erdenbürger einmischt.
Um auf die Frage, weshalb man
lebt, ob man leben soll, oder wie man leben soll, aus archaischen
Lehren wie den nichtbuddhistischen, von der Existenz eines
oder mehrerer allmächtiger Götter auszugehen, muß man ganz
schön blind sein.
Man kann sich in die Argumentation
flüchten, daß trotz Weltraumforschung, trotz Molekularbiologie,
trotz der Physik der Elementarteilchen, trotz wissenschaftlicher
Modelle des Kosmos, trotz Evolutionsbiologie... daß trotz
der gesamten wissenschaftlichen Erkenntnis, die empirisch
gesichert ist und die noch nicht eingetretene Ereignisse korrekt
prognostizieren kann, ohne die Unbekannte eines allmächtigen
Gottes, der angeblich den Weltlauf nach seinen Launen gestalten
könnte (und dies, gemäß den theistischen Religionen auch immer
wieder tut)... man kann sich in die Argumentation flüchten,
daß trotz allem die Nichtexistenz des allmächtigen Gottes
nicht bewiesen werden könne.
Na und?
Jeglicher Relevanz hat der
allmächtige Gott zu dem Zeitpunkt eingebüßt, da er im Lebensablauf
des Menschen, im Prozeß der menschlichen Geschichte keine
nachvollziehbare Rolle spielt.
Und wie reagieren moderne Christen
- solche, die noch nicht ganz und gar betriebsblind sind?
Sie abstrahieren ihre Gottvorstellung, weg vom traditionellen
Bildnis des alten Mannes mit weißem Bart, und hin zu einer
undefinierten Kraft des Guten, die alles Seiende durchdringt.
Aber in einer solchen Philosophie
haben Bibel und die Rituale des Gottesdienstes und des Gebets,
haben Institutionen wie Kirche und "Vater unser..." und "Amen"
keine Daseinsberechtigung, da sie willkürlich auch durch alle
möglichen anderen Rituale und Institutionen ersetzt werden
könnten.
Sicherlich ist es nett, wenn
christliche Menschen für sich die Entscheidung treffen, für
die Durchsetzung des Guten zu leben - und wenn ihnen der christliche
Glauben dabei irgendwie behilflich ist, haben insbesondere
diejenigen, die vom neuen christlichen Streben zur Durchsetzung
des Guten in irgendeiner Weise profitieren, gegen die ideologische
Grundlage dieser Weltverbesserei nichts einzuwenden. Die Leichen,
die in Zeiten, als die christlichen Zielsetzungen noch etwas
anders waren, auf dem Schlachtfeld der Geschichte zurückgeblieben
sind, hat niemand gezählt.
Die einzige Weltreligion, die
in ihrem innersten Kern von aller wissenschaftlichen Erkenntnis
nicht im Geringsten betroffen wurde, ist der Buddhismus. Denn
diese Religion lehrt von keinem Gotte, weder allmächtig oder
nur ein biß'l mächtig. Gott oder Götter interessieren den
Buddhismus nicht. (Aber bitteschön: wer an Gott oder Götter
glauben will, der kann dies gerne tun... eine Konzession derer,
welche die Lehre verstanden haben, ans einfache Volk, dem
man trotzdem etwas Weisheit beibringen wollte.)
Der Buddhismus propagiert keinen
Glauben (und ist deshalb vielleicht auch als Religion gar
nicht richtig in die Geistesgeschichte eingeordnet), sondern
eine schlichte Erkenntnis:
Das Leben ist in allererster
Linie Kummer und Leid. Wir können uns anstrengen, so viel
wir wollen, im Leben werden wir dem Leid nicht entrinnen.
Kummer, Schmerz, Trauer, Enttäuschung... all das Negative
wird uns schlußendlich einholen und uns stets und immer wieder
eine Niederlage bereiten. Das vernünftigste ist deshalb, sich
in das Leben allzusehr nicht zu involvieren.
Wozu nach materiellen Dingen
streben, wenn wir schlußendlich doch alles verlieren? Wozu
sinnlicher Freude nachgehen, wenn uns die Trennung von der
sinnlichen Freude schlußendlich doch nur so viel Kummer bereitet,
daß wir sie lieber nicht erlebt hätten? Wozu nach Glück im
Leben streben, wenn uns die Vorstellung vom unausweichlichen
Tot dann doch nur umso schmerzlicher trifft. Da ist es besser,
allen Freuden außer einer zu entsagen: der so einfach formulierten,
aber doch so schwer nachvollziehbaren Erkenntnis der Welt...
im Buddhismus Erleuchtung genannt.
Sicherlich, der Populär-Buddhismus
ist genauso vollgestopft mit gedanklichem Schnickschnack wie
der Katholizismus und andere christliche Konfessionen. Aber
in einem unterscheiden sich die beiden Lehren ganz entscheidend.
Und das ist, im innersten Kern.
Der innerste Kern von Christentum
und anderen monotheistischen Religionen ist der allmächtige
Gott; der innerste Kern des Buddhismus ist, daß alles Leben
doch nur in der Niederlage endet.
In der Nachkriegszeit kam auf
die ersten Kampagnen der Gesundheitsfanatiker gegen das Rauchen
das folgende Bonmot auf: Siehst Du die Gräber dort im Tal.
Das sind die Raucher von Reval. Und darauf die Antwort: Siehst
Du die Gräber andrerorten. Das sind die Raucher anderer Sorten.
Die endgültige Niederlage im
Leben, der unvermeidbare Tod, der uns von allem trennt, was
uns lieb ist... sie ist so oder so unvermeidlich. Wer nicht
an AIDS stirbt, der stirbt am Lungenkrebs oder am Herzinfarkt,
oder nach einem Schlaganfall oder beim Autounfall, oder bei
einem atomaren GAU, oder beim Brand eines Kaufhauses, oder
ersäuft in der Badewanne, oder wird von Erbschleichern mit
dem Hammer erschlagen, oder, oder...
Eine Eigentümlichkeit des AIDS-Bewußtseins
der 90er Jahre ist, daß viele Menschen zu denken scheinen:
Wer AIDS hat, muß sterben. Wer immer nur mit Pariser fickt,
darf am Leben bleiben.
Sicherlich ist das gut für
die Volkswirtschaft. Denn Bürger, die an AIDS sterben, kosten
die Gemeinschaft sehr viel mehr als diejenigen, die mit einem
Herzinfarkt aus den Pantoffeln kippen.
Aber so zu tun, als sei der
Stempel "positiv" auf einem HIV-Laborbescheid ein Todesurteil
und ein Stempel "negativ" eine Lizenz zum ewigen Leben, ist
schlichtweg Volksverdummung. Was den Menschen fehlt, ist nicht
eine Propaganda, die sie, weil HIV-negativ, darin bestätigt,
in den Tag hineinzuleben als gehe das Leben ewig weiter, sondern
etwas mehr Bewußtsein dessen, daß, HIV-positiv oder HIV-negativ,
jedes Menschen Todesstunde in Kürze schlägt.
Es ist interessant zu beobachten,
wie HIV-positive Leute, wenn sie den anfänglichen Schock des
Todesurteils überwunden haben, ihren Lebensstil ändern. Ob
sie nun in allen Ecken der Welt herumvögeln, oder ob sie jede
Minute mit ihren Kindern genießen... wenn sie sich nicht gerade
frenetisch mit der Option befassen, doch noch geheilt zu werden,
trifft man auf eine Geisteshaltung, die sich dadurch auszeichnet,
aus dem Leben, der kurzen Zeit, die davon noch bleibt, herauszuholen,
was noch herauszuholen ist.
Verbürgt ist der Fall des unter
dem Namen Doc bekannten deutschen Arztes, der, nachdem er
HIV-positiv diagnostiziert wurde, in Deutschland alle Zelte
abbrach, nach Pattaya übersiedelte, und ("nach mir die Sintflut")
fickte, was ihm zwischen die Lende kam - natürlich ohne Gummianzug.
Wieviele zuvor HIV-negative Prostituierte er dabei ansteckte,
und wieviel Freier sich angesteckt haben, als sie in seiner
Soße herumstocherten, wird sich niemals aufklären lassen.
Ebenso wird im Dunklen bleiben,
wieviel Typen seiner Sorte nach dem selben Rezept lebten oder
leben.
Doch da stellt sich berechtigterweise
die Frage: warum machen es Menschen von einem positiven HIV-Test
abhängig, bevor sie der Sau, die in ihnen steckt, freien Lauf
lassen?
Was hat ein Mensch mit 55 noch
zu verlieren? Er kann sich mit AIDS anstecken, und dann lebt
er vielleicht nicht mehr lang genug, um seinen 65. Geburtstag
zu feiern.
Doch ist ihm das tragisch,
kann es ihm tragisch sein? Mit 55 kommt nicht mehr viel nach,
und mit jedem gelebten Tag sinkt die statistische Wahrscheinlichkeit,
daß er auch den nächsten noch erlebt? Ist es nicht ein Anachronismus,
daß nicht mehr "freie Radikale", Leute ab 55, oder vielleicht
Leute ab 50, durch die Welt schwirren und sich schamlos nehmen,
was sie im Leben noch genießen wollen, bevor auch sie ganz
klanglos ins Gras beißen?
Doch wenn das der Fall ist,
hätten sie nicht schon zehn Jahre früher zu "freien Radikalen",
zu Hazardeuren der Kopulation, zu Vandalen ohne Rücksicht
auf AIDS und Herpes, werden sollen.
Oder leiden sie nur an einem
Mangel an Information? Wissen Ehefrauen, die sexuell frustriert
ihre Goldene Hochzeit feiern, die bei der Rein-Raus-Methode
ihres amateurhaften Ehemannes noch nie einen Orgasmus erlebt
haben, vielleicht gar nicht, daß sie auf Bali für 'nen Fuffziger
von einem knackarschigen 20jährigen Gigolo eine ganze Nacht
lang die Möse ausgeschleckt kriegen, auf daß ihnen das Herze
frohlocket.
Da reicht die Hälfte des Geldes,
das man aus dem Verkauf des trauten Familienheims rausschlagen
kann, für Jahre.
Natürlich: nur aus einer nihilistischen,
moralisch verwerflichen Grundhaltung heraus, kann ein Mensch
im Alter, oder jenseits der Midlife Crisis, zum "freien Radikalen"
werden.
Womit er zur tickenden Zeitbombe,
zum Suizid-Attentäter auf Zeit wird.
Deshalb dient die AIDS-Beratung
weltweit nicht in erster Linie den HIV-Infizierten, sondern
der nicht, noch-nicht infizierten Gesellschaft. Die Infizierten,
bei denen die Gefahr durchaus besteht, daß sie in einem sexuellen
Endspurt, wohl wahrlich einem Amoklauf, zur allgemeinen Gefahr
werden, werden zur Mäßigung ermahnt.
Wer nichts mehr zu verlieren
hat, oder nur wenig zu verlieren hat, dem ist mit Strafe nicht
mehr zu drohen. Wer weiß, daß er (oder sie) es sowieso nur
noch zwei, drei Jahre macht, der ist mit der Androhung lebenslänglicher
Haft, ja, sogar mit der Androhung einer schmerzlosen Exekution,
schwerlich davon abzuhalten, sich noch zu holen, wovon er/sie
ein Leben lang heimlich beim Wixen geträumt hat - daß er/sie
die dunkelsten, gemeinsten, brutalsten, perversesten, abscheulichsten
Phantasien doch noch versucht, wenigstens ein einziges Mal
in die Tat umzusetzen.
Die ganz spezifische Gefahr
der AIDS-Seuche: gerade diejenigen obskuren Typen, die sowieso
an ihrer Geilheit leiden, gerade diejenigen sind es, bei denen
die Wahrscheinlichkeit am größten ist, daß sie sich über kurz
oder lang auch mit AIDS angesteckt haben.
Wäre es so, daß von der AIDS-Seuche
hauptsächlich Menschen betroffen würden, die sich nicht lange
genug in der Sonne aufhalten, oder Leute, bei denen der sexuelle
Hormonspiegel zu stark gesunken ist, würde von den Todgeweihten
die Gefahr einer erschreckenden Zunahme an Sexualstraftaten
nicht ausgehen.
Aber ausgerechnet der Teil
der Bevölkerung (mit Ausnahme der Hämophilen und der Drogensüchtigen,
die sich den Stoff intravenös verabreichen), der ohnehin schon
vom Sexualtrieb angepeitscht ist, ausgerechnet dieser Teil
der Gesellschaft steckt sich mit dem AIDS-Virus an.
"Freie Radikale" nicht nur
mit 55, sondern auch mit 45, 35 oder 25. Jungfrauenverführer,
Kinderficker, Prostituiertenmörder.
Sadisten, nicht nur weil sie
die vom Marquis beschriebenen Sexualpraktiken bevorzugen,
sondern auch, weil sie seiner Weltanschauung folgen.
"Freie Radikale!" Aber man
muß nicht mit dem AIDS-Virus angesteckt sein, um sich ohnehin
als Todgeweihter/Todgeweihte zu benehmen. Die Überlebenschancen
auch derjenigen, die nicht mit dem AIDS-Virus angesteckt sind,
die Überlebenschancen aller Menschen, die gegenwärtig leben,
die Überlebenschancen aller Menschen, die jemals leben werden,
sind null Prozent.
Was macht es schon, angesichts
der definitiven Endlichkeit der Erde und des Sonnessystems,
oder, so man will, des unvermeidlichen Wärmetods des Universums
(sobald es die Einheitstemperatur erreicht hat) für einen
Unterschied, ob Heilkunst oder Wissenschaft dem Menschen eine
Lebensdauer von 100 Jahren, oder irgendwann von 1000 Jahren,
bescheren wird. Das individuelle Leben des einzelnen Menschen
ist, bleibt und wird immer sein: eine Episode, deren Bedeutungslosigkeit,
schier unendlich ist.
10.000 Jahre Menschheitsgeschichte,
von der Steinzeit ins Industriezeitalter, gerade mal 200 Jahre
Wissenschaft. Wo stehen wir in einer Menschheitsentwicklung,
die vielleicht einige zehntausend Jahre dauern wird. Selbst
in der Erinnerung künftiger Menschengeschlechter wird die
Jetztzeit der Vergessenheit, dem Nichts, anheimfallen.
Und da kämpfen wir uns ab,
mit Vorstellungen, uns in die Zukunft herüber zu retten, indem
wir ein Lebenswerk vor Augen haben, oder indem wir Nachwuchs
zeugen - oder mittels welcher frommen Illusion auch immer.
Sicherlich! Man muß nicht mit
dem AIDS-Virus infiziert sein, um sich selbst als Todgeweihten
zu wissen. Man muß nicht buddhistisch meditieren, um sich
der eigenen Bedeutungslosigkeit bewußt zu werden.
Aber es hilft.
Und keineswegs muß man sich
als "freier Radikaler" als eine rein destruktive Kraft empfinden,
deren eigener Lustgewinn, gemäß der de-Sade'schen Gleichung,
immer mit Schmerz und Leid für das Lustobjekt verbunden sein
muß.
Als "freier Radikaler" für
nichts anderes mehr zu leben als die Momente äußerster Lust,
die sich wie Perlen an einer Kette aneinanderreihen, läßt
sich auch unter der sich selbst gestellten Maxime der Zärtlichkeit
- unter der Zielsetzung, durch die Welt zu tingeln und Liebesbeziehung
nach Liebesbeziehung zu knüpfen, das Leben, und nicht nur
Zigaretten, in vollen Zügen zu genießen.
Nur: um nach dieser Maxime
zu leben, braucht es den praktischen Verstand. Denn wer als
Runzelbirne noch zum sexuellen Genuß, hauptsächlich zum kurzzeitigen
und vielseitigen, kommen will, der oder die muß, als Mitteleuropäer,
in der Lage, und gewillt, sein, die wirtschaftliche Macht
auch einzusetzen, über die er oder sie des glücklichen Umstandes
wegen, in Mitteleuropa geboren zu sein, von selbst verfügt.
Als Botschafter des Lustgewinns
in Ländern der Dritten Welt herumziehen, mit jungen Mädchen
oder strammen Buben im afrikanischen Busch zu kopulieren,
als Gast im Iglu eines Eskimos die Ehefrau des Gastgebers
zu vögeln, in Hinterindien eine zwölfjährige Lustsklavin zu
erwerben, oder in Belutschistan einem Vater für 10,000 Rupien
die verschleierte Tochter abzukaufen. Sich als Frau mit arabischen,
mexikanischen oder indonesischen Bubenschwänzen zu vergnügen
und Ade zu sagen zu mitteleuropäischen Schlappschwänzen -
all das sind Optionen, die nicht nur abhängen davon, ob man
über die richtige Geisteshaltung und ausreichend moralischen
Nihilismus verfügt, sondern auch davon, ob man Eigentümer
der für einen solchen Lebensstil notwendigen finanziellen
Mittel ist.
Und vorausgesetzt, die andere
Gesellschaft ist arm genug, damit der eigene Reichtum dem
sexuellen Abenteurer einen Wettbewerbsvorteil verschafft,
der groß genug ist, um sich über die eigenen physischen und
ästhetischen Mängel, und, dank Mobilität, über die Schranken
gesellschaftlicher Konventionen, hinwegzusetzen.
Ein Ausbeutungsverhältnis ist
es ohnehin, ob man als "freier Radikaler" oder "freie Radikale"
nun geschlechtlichen Praktiken anhängt, die den gekauften
Partner unmittelbar schmerzen, oder ob man es vielmehr genießt,
den gekauften Menschen mit Liebesversprechungen und praktischer
Zärtlichkeit in den siebten Himmel zu wiegen, nur, um dann,
als "freier Radikaler", irgendwann doch radikal die eigene
Freiheit zu demonstrieren und zur nächsten Station weiterzuziehen
- und dem gekauften Partner, insbesondere, wenn es sich um
eine Frau aus der Dritten Welt handelt, einen umso tieferen
Fall zu bereiten.
In leichter Lektüre zu einem
tiefgreifenden Thema berichtete die deutsche Zeitschrift FOCUS
(31. Januar 1994), der Buddhismus entwickle sich "in Deutschland
zur Trendreligion."
Weiter heißt es in dem Blatt:
"Der Buddha-Boom entspringt einer geistigen Stimmung des Abendlandes:
Das Christentum ist für viele unglaubwürdig geworden; der
Atheismus wiederum läßt den Menschen seelisch unbehaust...
Ohne Gott oder Götter kommt er aus; er besitzt ein eher psychologisch
und philosophisch ausgerichtetes Gedankengebäude..." Dazu
in einem Kasten die Erklärung: "Die Buddhisten beten nicht
zu Göttern. Auch Buddha Siddhartha Gautama (um 560-480 v.
Ch.) wird nicht als Gott, sondern als Religionsstifter und
Weltweiser verehrt."
Doch der FOCUS-Artikel über
Buddhismus erregte die Aufmerksamkeit des Autors dieses Essays
nicht wegen Erklärungen zum Buddhismus, sondern im Zusammenhang
mit einigen Interview-Aussagen deutscher Buddhisten.
In dem Bericht ist davon die
Rede, "Meditationen, bei denen der eigene Tod imaginiert wird",
seien auf buddhistischen Wochenendseminaren in Deutschland
ein regelmäßiger Programmpunkt.
Und dazu wird die buddhistische
Nonne Carola Roloff, 35, mit dem Hinweis zitiert, sie halte
"die Sterbemeditation bei Anfängern für viel zu gefährlich."
Die Nonne wörtlich: "Einige sind danach in der Psychiatrie
gelandet."
Einerseits mag man anhand dieses
Zitats darüber sinnieren, wie seicht das intellektuelle Niveau
der Leute doch sein muß. Denn da scheint bei vielen Erwachsenen
ganz offensichtlich das Gehirn nicht weit genug entwickelt
zu sein, um ein mehr oder weniger dauerhaftes Bewußtsein darüber
aufrechtzuerhalten, daß dieses mein Leben in nicht allzuferner
Zeit unwiderruflich enden wird - ohnehin die wichtigste Erkenntnis,
zu der das menschliche Hirn in der Lage ist - und selbstverständlich
betrifft diese Erkenntnis AIDS-Kranke und AIDS-Gesunde genau
gleichermaßen.
Andererseits kann man, auch
aus buddhistischer Tradition, nur den Kopf schütteln, wenn
vor Sterbemeditation gewarnt wird, da zu viel Erkenntnis die
Leute in die Klapsmühle bringe. Denn die Erkenntnis von der
Vergänglichkeit dieses meines Lebens ist von zentraler Bedeutung
für Erkenntnis im buddhistischen Sinne ganz allgemein. Der
Buddhismus lehrt die Abkehr von den gängigen Werten dieses
meines Lebens, vom Streben nach materiellem Reichtum ("mitnehmen
kannst Du eh nichts"), sowie von allen Sinnesfreuden ("führen
nur dazu, daß Du Dich angesichts der Erkenntnis Deines Hinscheidens
selbst bemitleidest").
Ein gehöriges Maß an Bewußtsein
des unmittelbar bevorstehenden eigenen Todes, AIDS oder kein
AIDS, ist die Grundlage jeder ernstzunehmenden Weltanschauung
- und die Grundlage aller einigermaßen ernstzunehmenden Entscheidungen
eines einzelnen Menschen darüber, wie er oder sie das eigene
Leben gestaltet.
Psychisch hilfsbedürftig sind
eigentlich nicht diejenigen, die sich des unmittelbar bevorstehenden
eigenen Todes, auch wenn er ihnen bombastisch erscheint, bewußt
sind - sondern diejenigen, die schon zappelig werden, wenn
man das Thema "Tod" zur Sprache bringt, und die sich durchs
Leben nur hindurchmogeln können, indem sie jeden Gedanken
an den eigenen Tod aus ihrem Alltag strikt verbannen.
Aber viele Menschen, die noch
nicht zum Buddhismus bekehrt sind, haben offensichtlich zumindest
Kenntnis davon, daß diese Religion ihnen Antworten im Angesicht
des unwiderruflichen eigenen Todes gibt - denn wie sonst wäre
der Erfolg eines buddhistischen Buches zu erklären, von dem
die Nachrichtenagentur Reuter (Bangkok Post vom 15. Februar
1993) berichtete:
"A Tibetan Buddhist known as
the 'Laughing Lama' is taking America and Europe by storm
with a manual on death..."
"From San Francisco to New
York, London and Paris, people are lining up to hear the author
of The Tibetan Book of Living and Dying explain how facing
up to death enhances life. 'We could die tomorrow or tonight.
When you live with that kind of realisation it helps to live
more truly,' he says."
"The 425-page book caps 20
years of teaching for Rinpoche and completes Tibet's most
famous scriptures, The Tibetan Book of the Dead, whose insight
into life and death has fascinated Western readers since it
was translated into English in 1927..."
Der Schriftsteller Jean Améry
beschrieb in seinem bei Klett-Cotta verlegten Buch Hand an
sich legen - Diskurs über den Freitod (einem herausragenden
literarischen Werk des 20. Jahrhunderts), eine Übung, derer
er sich selbst gerne unterzog: "Ich stehe oft auf dem Balkon
eines sechszehnten Stockwerkes, steige dabei übers Gitter
(erfreulicherweise bin ich vollkommen schwindelfrei), halte
meinen Körper, den nur noch die Linke an die Eisenbarre klammert,
weit hinaus ins Leere und starre in die Tiefe. Ich brauche
nur loszulassen..."
Es ist beruhigend zu wissen,
daß man nicht nur eines Tages sterben muß, sondern daß man
eines Tages sterben darf - und in einer keineswegs unerwürdigen
Weise von eigener Hand, sofern man dies für angebracht hält. Denn ganz im Einverständnis
mit buddhistischer Lehre muß festgestellt werden, daß das
Glückspotential des individuellen Lebens reichlich begrenzt
ist, wohingegen das Leidenspotential schier unerschöpflich
erscheint.
Besonders heimtückisch ist
dabei, daß es gerade der Medizinbetrieb (der uns in fortgeschrittenem
Alter noch ein paar Jährchen schenken soll) ist, der potentiell
jedem, der geruhsam und vorsichtig durchs Leben geht (auf
daß ihm Schreckliches nicht widerfahren kann) Leid in fast
nicht vorstellbarer Dimension beschert.
Man stelle sich, nur eine Möglichkeit,
vor, man liege auf dem Operationstisch eines modernen Klinikums,
um sich einer Herz-Bypass-Operation zu unterziehen. Bevor
nun die Chirurgen das Skalpell zücken, um den Brustkorb aufzuschneiden,
bekommt man die übliche Mixtur an Anästhetika verabreicht:
ein Mittelchen, um das Bewußtsein lahmzulegen, ein Mittelchen
um das Schmerzempfinden zu unterbrechen, und Kurare (oder
gleichartiges), um die Muskulatur zu erschlaffen - beatmet
wird daraufhin per Schlauch.
Man stelle sich vor (und man
stelle es sich intensiv vor), dem Anästhesiten unterlaufe
nur ein kleiner Fehler: der Spiegel des Medikamentes, mit
dem das Bewußtsein betäubt wird, wird nicht auf einem Level
gehalten, der notwendig ist, um den Patienten tatsächlich
im schützenden Tiefschlaf zu halten.
Und ein weiterer kleiner Fehler:
das Mittelchen, mit dem von vorneherein das Schmerzempfinden
ausgeschlossen wird, ist ebenfalls nicht ausreichend dosiert.
Kurare dagegen wird in ausreichender
Menge verabreicht. Da liegt man nun also auf dem Operationstisch!
Kein Glied, kein Muskel läßt sich bewegen. Aber man bekommt
alles mit.
Der erste Schnitt mit dem Skalpell.
Ein stechender Schmerz!
Halt, um Gottes Willen: Halt!
Ich bin nicht betäubt. Ich kriege alles mit. Halt, bitte,
bitte, Halt!
Doch keinen Ton bekommt man
über die Lippen, mit keiner Wimper kann man zucken. Panik
bricht aus.
Da, der nächste Schnitt! Ein
stechender Schmerz. Die unflätige Äußerung eines Chirurgen:
"Eigentlich würde es sich gar nicht rentieren, diesen Fettwanst
zu operieren. Mehr als ein Jahr macht der es ohnehin nicht
mehr."
"Aufhören! Aufhören!" schreit
der Patient auf dem Operationstisch. Aber leider nur in Gedanken.
Kein Ton dringt über seine Lippen.
Der Chefchirurg baggert mit
ein paar Banalitäten die nette neue Operationshilfe an. Macht,
um die sterile Atmosphäre im OP etwas anzuheitern, ein paar
satirische Anmerkungen zum Schlachtvieh auf dem Operationstisch.
"Aufhören, aufhören!" schreit
das Tier auf dem Operationstisch. "Ich bin ein Mensch! Ich
bin bei Bewußtsein! Hört mich denn niemand."
Nein, niemand hört ihn. Stunden,
die nicht vergehen wollen, eine Ewigkeit der scheußlichsten
Schmerzen.
"Sterben, bite, bitte, Sterben!"
jammert ungehört der Patient. "Nicht einen Augenblick länger
leben müssen. Die Erlösung, bitte, bitte, Sterben! Nur eines:
Sterben."
Doch die Maschinen zur künstlichen
Beatmung funktionieren reibungslos, und das Kurare lähmt jeden
Muskel. Die Gummihände der Chirurgen wühlen im Brustkorb,
bohren sich unters Herz und zwischen Adern, es wird geschnitten
und geschnipselt, genäht und verschweißt. Wundschmerz in der
tausendfachen Potenz.
Hilflos, bewegungslos, in Panik
ohne äußere Merkmale liegt der Patient auf dem Operationstisch.
Der Körper betäubt, das Bewußtsein hellwach, das Schmerzempfinden
ins Unendliche gesteigert.
Der totale Horror!
Wie häufig, oder wie selten,
das passiert, spielt keine Rolle. Gewiß ist die Kurpfuscherei
der Götter in Weiß nicht der Normalfall.
Aber das obige Szenario ist
nicht bloße Hypothese, sondern ein dokumentierter Fall.
Berichtete die Nachrichtenagentur
Reuter (Bangkok Post vom 5. August 1994): "A man who remained
conscious during a seven-hour heart bypass operation was on
Wednesday awarded compensation of £9,000 ($13,820)."
"Norman Dalton, 55, received
the money from the Royal Infirmary in Leeds, northern England,
where he underwent the operation in 1990."
"He said: 'I tried somehow
to signal that I was not properly sedated, but I was quite
powerless and absolutely terrified. I could feel every cut
and saw the doctors made.' Dalton said he was unable to return
to his work as an electrician because he was now petrified
of any power tool whose sound or vibration reminded him of
the operating table."
Daß Norman Dalton nach dem
Horror der Herz-Bypass-Operation bei vollem Bewußtsein noch
den Nerv hatte, das Krankenhaus zu verklagen, ist wahrscheinlich
ein Sonderfall (weshalb sich entsprechende Nachrichten auch
nur selten in den Medien finden). Wie dem Autor dieses Essays
von einem gut befreundeten Arzt versichert wurde, landen Chirurgie-Patienten,
bei denen ein Kunstfehler wie der oben beschriebene vorfällt,
in der Regel sang- und klanglos in der Psychiatrie.
Und da soll sich noch jemand
darüber wundern, daß Ärzte (mit mehr Überblick über das Werkeln
ihres Berufsstandes) die schlechtesten Patienten abgeben.
Die wollen einfach nicht.
Im Mittelalter und im Altertum,
als der Tod den Menschen als Ereignis noch näher war, weil
er sich, bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von
vielleicht 30 Jahren, früher und weniger natürlich vollzog
als heute, war der Tod an sich den Rechtssystemen zu gewöhnlich,
um allein schon als schwere Bestrafung angesehen zu werden.
Als ultimative Bestrafung wurde
deshalb nicht der Tod allein, sondern ein möglichst qualvolles
Sterben verordnet. Die Menschen wurden bei lebendigem Leib
verbrannt, langsam stranguliert, gekreuzigt, von Ackergäulen
gevierteilt, bei Ebbe an Pfähle gebunden und der Flut anheimgegeben,
in Ameisenhäufen eingebraben, gesteinigt, gerädert, an den
Füßen aufgehängt, Krokodilen zum Fraße vorgeworfen, in Kerker
eingemauert, um sie dort verdursten zu lassen, langsam, über
Tage hinweg, zu Tode gefoltert.
Als schier unerschöpflich erwies
sich der menschliche Erfindungsgeist, wenn es darum ging,
seinesgleichen einen qualvollen Tod zu bereiten - in den Gesellschaften
Wilder gerade so wie in den frühen Hochburgen der Zivilisation.
Ein früher Tod, ein natürlicher
Tod als Folge einer schweren Erkrankung, war allemal ein gnädiges
Schicksal.
Nicht, daß die Zeiten der Marter
entgültig vorüber seien. Nicht nur gemetzelt, sondern auch
gefoltert, wird nach wie vor. Und die Methoden haben sich,
wenn überhaupt, noch weiter verfeinert (was nichts anderes
heißt als: sie sind noch brutaler geworden). Ob in Südamerika
politische Gefangene in Badewannen voller Scheiße eingetaucht
werden, nicht nur um sie der Panik des potentiellen Erstickungstodes
auszusetzen, sondern um sie zusätzlich noch zu degradieren;
ob Angehörige einer anderen Ethnizität mit Elektroschocks
malträtiert werden, nichts an irgendwelchen Gliedmaßen, sondern,
wo sonst, an den Geschlechtsteilen; oder ob in kriegerischen
Konflikten angeblichen Agenten der Gegenseite die vielseitigsten
"Medikamente" injiziert werden, um den Puls auf 350 zu treiben,
oder mittels Psychopharmaka Horror-Halluzinationen herbeizuführen,
welche die Geständnisfähigkeit fördern sollen.
Wie schon bei den Moskauer
Schauprozessen in den 30er Jahren der Weltöffentlichkeit vorgeführt
wurde, können Menschen, kann eigentlich jeder, dazu gebracht
werden, alles "zuzugeben", auch wenn es die eigenen Kinder
ans Messer liefert.
Scheinbar ist es gängige Praxis
bei den etwas besser ausgerüsteten Geheimdiensten der Welt,
Agenten mit Selbstmord-Pillen für den Fall auszurüsten, daß
sie der Gegenseite in die Finger, das heißt: in die Folterstuben,
geraten - Zyankali im hohlen Zahl, oder noch besser: das Selbstmordgift
zirkuliert schon im Blutkreislauf und wird aktiv, sobald einmal
nicht zur täglich vorgeschriebenen Zeit, ein Gegenmittel geschluckt
wird.
So oder so: der Tod, um dem
sicheren Leid zu entgehen, dem Horror total, der so viel schwerer
wiegen würde als einfach nur das Sterben.
Nur: wie gefeit ist der Rest
der Menschheit, wie gefeit sind diejenigen, die nicht die
Folterknechte Idi Amins oder Pol Pots zu fürchten einen realistischen
Anlaß haben? Wie gefeit sind diejenigen, die nicht im Dienste
eines Geheimdienstes stehen, sind diejenigen, die selbst in
Ländern Südamerikas kein Risiko eingehen, als Oppositionelle
gefoltert zu werden, weil sie sich aus aller Politik heraushalten?
Es ist nur eine Frage der Zeit,
bis irgendwelche Verrückten die Wasserversorgung einer deutschen
Kleinstadt mit einem Liter LSD vergiften, um sich an den reihenweise
ausflippenden Normalbürgern zu erfreuen. Zum falschen Zeitpunkt
am falschen Ort, und auch als Normalbürger ist man dem Risiko
ausgesetzt, unter einem einstürzenden Hotel begraben zu werden,
oder in einem Flugzeug zu sitzen, in dessen Außenwand es mitten
im Fluge ein Loch reißt, durch das es die Insassen in die
kühle Luft saugt, die zehn Kilometer über Meereshöhe weht.
Qualvolles Ersticken, bei lebendigem
Leib zerfetzt zu werden, leidvolles Sterben nach einer Vergiftung,
bei lebendigem Leib zu verbrennen, unsagbare Schmerzen, die
erst nach Stunden zum Tod führen, der dann nur noch als Erlösung
aufgefaßt werden kann - das alles gibt es ja nicht nur als
Folge menschlicher Foltermethoden - das alles passiert ja
auch, ganz undramatisch, als Unfall.
Ein Ozean menschlichen Leids,
und dazwischen, mit der Landmasse eines durchschnittlichen
Atolls, ein paar Inselchen des Glücks.
Besteht da nicht zureichend
Anlaß, den individuellen Tod, das eigene Verschwinden aus
der Welt des Seins, das Eintauchen in das Nichts, als einen
potentiellen Glücksfall aufzufassen? Denn irgendwann fegt
der Ozean menschlichen Leids, in einem plötzlich aufkommenden
Taifun, noch über jedes tropische Atoll des Glücks hinweg.
Mit einem leidenden Tier haben
wir Mitleid und geben ihm, als Schuß ins Herz oder als Injektion,
den Gnadentod.
Und keineswegs ist es so, daß
wir für das Tier den Tod nur dann als Gnade empfinden, wenn
es an einer Krankheit oder Verletzung leidet, sondern auch,
wenn wir zu dem Ergebnis kommen, daß für selbiges Tier das
Leben nur Pein und Leid bereitet.
Für eine Schindmähre, die von
ihrem Besitzer gepeitscht wird, um tagtäglich einen viel zu
schweren Karren durch den Schlamm zu ziehen, empfinden wir
einen schnellen Tod als Gnade.
Ebenso für einen Bären oder
einen Löwen, die in engen Käfigen gehalten werden, um sie
zur Volksbelustigung auszustellen.
Mit Hühnern, die in Legebatterien
gehalten werden, haben wir Mitleid, solange sie weiterleben
müssen, und nicht, wenn ihnen der Hals abgeschnitten wird.
Denn wir wissen, daß ihnen das irdische Dasein keine artgerechte
Erfüllung, kein Glück bringen kann. Getötet zu werden, ist
für sie eine Gnade - wir wissen es aus der menschlichen Perspektive,
von oben herab, auch wenn eine Legehenne genauso am Leben
hängen mag wie die Schindmähre oder der eingesperrte Löwe...
oder der leidende Mensch.
Die Perspektive, von oben herab,
die Perspektive des Bewußtseins, daß für den anderen der Tod
eine Gnade wäre, gibt es auch von Mensch zu Mensch. Wir wissen,
daß für den römischen Galeerensklaven ein früher Herzinfarkt
dem täglichen Gepeitschtwerden, dem irgendwann zu Tode Gepeitschtwerden,
dem Ertrinken, angekettet an die Ruderbank, der Vorzug zu
geben gewesen wäre.
Solange wir gesund sind, wissen
wir, daß ein früher Tod vorzuziehen wäre dem Leid und Siechtum
vieler Krankheiten.
Wozu leben, wenn man vom Hals
abwärts gelähmt ist. Aus den USA ist der Fall eines jungen
Mädchens bekannt, das so weitgehend gelähmt war, daß es gerade
noch die Augen, nichts anderes mehr, bewegen konnte. Dabei
war es stets und ständig bei vollem Bewußtsein. Das Mädchen
wurde durch permanente künstliche Beatmung am Leben gehalten,
bis die Eltern nach langwierigem Weg durch die Rechtsinstanzen
erreichen konnten, daß die lebenserhaltenden Maschinen schließlich
doch abgestellt wurden.
Das einzige Land der Welt,
das den Menschen den frühen Tod erlaubt, wenn erkennbar ist,
daß für den Rest des Lebens nur noch Leid und Siechtum zu
erwarten ist, sind die Niederlande.
Wie sich in den Niederlanden
ein Freitod unter ärztlicher Hilfe vollzieht, beschrieb der
STERN (14. Mai 1992): "Der Doktor gab der Greisin ein barbiturathaltiges
Schlafmittel zu trinken und injizierte ihr etwas gegen Brechreiz.
Dann ließ er sie mit ihren beiden Töchtern allein. Während
die Frauen ihr die Hände streichelten, fiel Gonne von Baumhauer
in einen tiefen Schlaf. Nach zwei Stunden gab der Arzt der
Bewußtlosen eine Spritze mit dem Pfeilgift Curare. Die Töchter
sahen sie noch einmal tief atmen, dann starb sie."
In dem zitierten Bericht wird
ein weiterer, allerdings etliche Jahre zurückliegender Fall
einer ärztlichen Sterbehilfe geschildert: "... der Wiener
Internist Max Schur, dem der an Mundhöhlenkrebs leidende Psychoanalytiker
Sigmund Freud bei ihrer ersten Begegnung 1928 das Versprechen
abnahm, ihn, 'wenn es mal soweit ist', nicht unnötig leiden
zu lassen. Schur folgte Freud später in die Emigration nach
London und schreibt in seinen Erinnerungen, wie ihn sein berühmter
Patient am 21. September 1939 erinnerte: 'Sie haben mir damals
versprochen, mich nicht im Stich zu lassen, wenn es soweit
ist. Das ist jetzt nur noch Quälerei und hat keinen Sinn mehr.'
Max Schur injizierte dem nach mehreren Gaumenoperationen an
schwersten Schmerzen leidenden Todkranken zwei Zentigramm
Morphium. Freud fiel in tiefen Schlaf, und der Ausdruck von
Leid wich aus seinem eingefallenen Gesicht. Nach zwölf Stunden
spritzte der Arzt weitere zwei Zentigramm Morphium, wohl wissend,
daß damit dem Leben des stark geschwächten Patienten ein Ende
gesetzt wurde. Freud verfiel in ein Koma, aus dem er nicht
mehr aufwachte. Um 3 Uhr morgens am 23. September 1939 starb
der 83jährige friedlich im Schlaf. Es war ein Gnadentod."
Obwohl wahrscheinlich die Mehrheit
aller Menschen in der westlichen Welt die Gewißheit des Todes
im alltäglichen Leben verdrängt, gibt es doch immer wieder
Anhaltspunkte dafür, daß viele eine Bewußtseinsebene erreicht
haben, auf welcher ein rechtzeitiger Freitod als klare Option
anerkannt wird.
Berichtete die Nachrichtenagentur
Reuter (Bangkok Post vom 3. August 1993):"A step-by-step guide
on how to commit suicide has turned into a bestseller in the
United States. The book, Final Exit, is meant for people with
terminal diseases... Final Exit was written by Derek Humphry,
founder of the Hemlock Society, named after the poison the
Greek philosopher Socrates took to kill himself more than
2,000 years ago..."
"An article in the Wall Street
Journal in July drew attention to the existence of Final Exit
- ignored by reviewers - and triggered an unusual rush that
saw 20,000 copies sold in two weeks, Humphry said..."
"Detailed information provided
in Final Exit - subtitled "The Practicalities of Self-Deliverance
and Assisted Suicide for the Dying" - ranges from securing
lethal prescription drugs to finding a physician prepared
to assist in suicide..."
"In five chapters addressed
to doctors and nurses, Final Exit discusses the pros and cons
of various prescription drugs, ways of administering them
and the most effective dosage. "The lethal oral dose of pentobarbital
sodium or secobarbital sodium is estimated at 3G (grammes).
For safety's sake, a triple dose may be considered the euthanasic
dosage.'"
"According to Humphry, polls
conducted for the Hemlock Society show that 70 per cent of
Americans approve the idea that physicians should be allowed
to help a patient die if prolonging his life would only inflict
suffering. For those who fail to find a willing doctor, Final
Exit offers detailed guidelines to sure and painless death."
"No matter what drug is taken,
the book says, use of a plastic bag is 'highly advisable'
for those who do not have the help of a physician to end their
lives. The plastic bag, the book advises, should be used in
conjunction with sleeping pills. 'With the plastic bag secured
around the neck, the dying person uses up oxygen in the air,
replacing it with carbon dioxide, and leaving behind nitrogen
that permits breathing. A human cannot live on carbon dioxide
and nitrogen alone.' The book comes out firmly against death
by cyanide ('can be painful in the extreme') and lists a number
of 'bizarre ways to die' deemed unacceptable either because
they are unreliable or messy."