Photo: Angkor Thoms Riesen-Skulpturen im Spalier
Angkor, ein paar Kilometer nördlich der heutigen kambodschanischen
Stadt Siem Reap, ist unangefochten die berühmteste,
die gewaltigste, die beeindruckendste und die wichtigste
Sehenswürdigkeit nicht nur Kambodschas, sondern ganz
Südost-Asiens, und vielleicht sogar ganz Asiens.
Im Vergleich zu Angkor erblassen der alte Königspalast
in Bangkok, die Schwedagon-Pagode in Rangoon oder die Zitadelle
in der alten vietnamesischen Kaiserstadt Hué. Im Vergleich
zu Angkor erscheinen viele der Sehenswürdigkeiten, Baudenkmäler
oder archäologischen Ausgrabungsstätten andernorts als
Belanglosigkeiten, als Spielzeug oder als Kleinkram. Denn Angkor
ist überwältigend.
In den baulichen Dimensionen ist es am ehesten noch vergleichbar
mit den ägyptischen Pyramiden. Doch Angkor ist mehr
als riesige geometrische Strukturen. Denn trotz der enormen baulichen
Dimensionen ist es in einem Masse ausgestaltet wie Notre Dame
in Paris und spricht von einer alten Steinbaukunst wie die
Akropolis in Athen.
Angkor war vom frühen 9. Jahrhundert, nachdem im Jahre 802
das erste unabhängigen Khmer-Reiches von König Jayavarman
II gegründet worden war, bis 1431, als ein Grossteil
der Bevölkerung ein paar hundert Kilometer nach Südosten
auswanderte, Hauptstadt eines Khmer-Reiches, das in seiner
Blütezeit den grössten Teil Südost-Asiens umfasste,
vom heutigen Burma bis ins heutige südliche Vietnam, von
der südchinesischen Provinz Jünnan bis tief in die Malaiische
Halbinsel.
Photo: Nachdem die Khmers ihre Hauptstadt Angkor aufgegeben hatte, wurde sie vom Dschungel überwuchert. Der hier abgebildete Ta-Prohm-Tempel wurde so belassen, wie er im 19. Jahrhundert vom französischen Naturforscher Henri Mahout entdeckt worden war.
Es sei an dieser Stelle angemerkt, dass in zahlreichen Publikationen
dadurch unnötige Verwirrung geschaffen wird, dass jedesmal,
wenn ein König des Khmer-Reiches einen neuen Palast ein
paar Kilometer entfernt von einem vormaligen Palast gebaut und
die Regierungsgeschäfte dorthin verlegt hat, immer wieder
vom Bau einer neuen Hauptstadt die Rede ist - nicht nur im Falle
Angkors, sondern auch im Falle Pagans in Burma. Dass dies ganz
gerechtfertigt ist, darf bezweifelt werden.
Im Falle des Angkor-Reiches ist zu lesen, dass der erste König
des Angkor-Reiches, Jayavarman II, seine Hauptstadt in Rolous,
der vierte Angkor-König, Yasovarman, in Angkor unter dem
Namen Yashodharapura, der siebte Angkor-König, Jayavarman
IV, in Koh Ker, der neunte Angkor-König, Rajendravarman,
wiederum in Angkor einrichtete; und der 21. Angkor-König,
Jayavarman VII, baute die Königsstadt Angkor Thom.
Tatsache ist, dass fast alle dieser sogenannten Hauptstädte
nur wenige Kilometer voneinander entfernt liegen: zwischen
Rolous und Angkor Thom sind es gerade mal 15 Kilometer; nur nach
Koh Ker war die Entfernung knapp über 50 Kilometer.
Da das Angkor-Reich als damals mächtigster Staat in Südost-Asien
über ein beachtliches stehendes Heer und einen grossen
zentralen Verwaltungsapparat verfügt haben muss, und
da zum Bau und zur Instandhaltung der enormen Gebäudekomplexe
Tausende von Arbeitern gebraucht wurde, ist zu vermuten,
dass rund um die aus Stein gebauten Palast- und Tempelanlagen
auch eine Stadt mit substantieller Bevölkerungsbasis bestanden
haben muss.
Die Stadt hat wahrscheinlich weite Teile dessen, was jetzt unbebaute
Landschaft zwischen den baulichen Überresten der Tempel und
Paläste ist, umfasst. Von der Besiedlung der Umgebung
sind allerdings weder Gebäude noch Ruinen übriggeblieben;
wahrscheinlich wurde als Baumaterial Holz verwendet, das inzwischen
längst verrottet ist
Ein anderer Anlass zur Verwirrung ist, dass die gesamte Sehenswürdigkeit
häufig als Angkor Wat bezeichnet wird. Doch Angkor
Wat ist eigentlich nur eine einzelne Tempelanlage innerhalb des
Gesamtkomplexes von vielen anderen, wenn auch die beeindruckendste.
Photo: Archäologen aus mehreren Ländern, unter anderen Japan, Indien and Polen, helfen bei der Restaurierung Angkors.
Etwa einen Kilometer nördlich Angkor Wats liegt Angkor
Thom, die königliche Stadt, die Ende des 12. Jahrhunderts
(also fast 400 Jahre nach Gründung des Angkor-Reiches) in
der Herrschaftszeit von Jayavarman VII errichtet wurde. Dieser
quadratische, von Wall und Graben eingegrenzte Palastbezirk mit
einer Seitenlänge von etwa drei Kilometern entspricht in
etwa der Verbotenen Stadt Beijings.
Allerdings wurde Angkor Thom nicht in freiem Gelände
erbaut. Zahlreiche Einzelgebäude innerhalb dessen, was nach
Bau von Wall und Graben Angkor Thom wurde, hatten schon früher
bestanden, zum Teil sogar jahrhundertelang. Doch waren
die älteren Gebäude zum Teil von einer Armee der Cham
(die ihr Königreich im heutigen Vietnam hatten) zerstört
worden, als diese Angkor für einige Zeit besetzt hatten.
Von Jayavarman VII neu erbaut wurde jedoch der Bayon, ein
kolossaler zentraler Tempel genau in der Mitte Angkor Thoms.
Östlich und westlich von Angkor Thom liegen zwei grosse,
künstlich angelegte Seen, sogenannte Barays. Die Seen
sind ungefähr gleich gross, jeweils ungefähr 8 Kilometer
in Ost-West-Richtung und 2 Kilometer in Nord-Süd-Richtung.
Früher hatte man angenommen, die künstlichen Seen hätten
als Wasserspeicher fungiert, die in der Regenzeit gefüllt
wurden und in der Trockenzeit zur Bewässerung von Reisfeldern
in der Umgebung Angkors gedient hätten. Inzwischen wurde
aber berechnet, dass für diese Funktion die Seen viel zu
klein waren. Neuerdings wird angenommen, dass die Seen in erster
Linie zu gestalterischen Zwecken angelegt wurden, wie ja
auch die enorm aufwendigen Tempelbauten, dass man sie aber gleichzeitig
auch zur Fischzucht nutzte. Tatsächlich werden im
westlichen Baray (der östliche ist trocken) auch heute wieder
Fische gezüchtet.
Es gibt zahlreiche bauliche Strukturen in der Angkor-Ebene, die
einen Besuch wert sind - viel zu viele, um sie hier einzeln aufzuzählen.
Die interessantesten sind sicherlich Angkor Wat und Angkor
Thom mit dem Bayon.